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Die
letzte Party
Ich liebe das tiefe Rot
dieses Weines. Dornfelder und Spätburgunder in perfekter Harmonie. Und ganz
ohne Gift. Ökologischer Weinbau hat Zukunft.
Das letzte Glas für heute.
Oder soll ich noch eine Flasche öffnen? Nein, es ist genug, ich will nicht
übertreiben. Obwohl - an einem solchen Abend ...
Das Filetsteak war auf den
Punkt gebraten, zart rosa im Kern und saftig. Ich mag es nicht, wenn Blut
fließt beim Anschneiden. Er liebte es fast roh, das hat uns immer schon
unterschieden. Und das Gemüse, wie er immer das Gemüse zu Brei drückte. Die
frischen Erbsen und Zuckermöhren, ich glaubte sie ächzen zu hören unter seiner
Gabel. Und dann tunkte er die Kartoffelbällchen in den dunklen Fleischsaft,
dass sie aussahen wie - ich will nicht mehr daran denken.
Der Abend ist wirklich zu
schade. Die Dunkelheit atmet Kräuterdüfte, irgendwo zirpt eine Grille. Als wäre
ich am Meer. Das leise Rauschen der Wellen - nun ja, hier ist es die ferne
Autobahn - und über mir Sterne am mondlosen Himmel. Je länger ich in die Nacht
schaue, desto mehr Sterne entdecke ich, desto weiter geht mein Blick durch den
Raum in der Zeit zurück. Wie viele dieser Lichtpunkte mögen in Wahrheit schon
erloschen sein? Wie viele Welten verglüht?
Da vorne, bei den Büschen, da
glüht es auch. Ein leuchtender Türkis tanzt in der Luft. Und noch einer dort
drüben. Zeit für Glühwürmchen. Mittsommer.
Vor drei Jahren hätte man
kein einziges Glühwürmchen sehen können vor lauter Lampions und Lichterketten.
Und keine Grille hören, weil die Bässe aus den riesigen Boxen jedes Zirpen
überrollten. Das war die letzte Party in unserem Garten. Seitdem ist es still
geworden. Angenehm still.
Er musste in Superlativen
leben: das neueste Auto, der größte Gartenteich, die lauteste Party in der
Nachbarschaft. Anfangs imponierte er mir damit, dummes Huhn, das ich war. Die
Ernüchterung kam bald nach der Hochzeit mit meiner Inventarisierung. Die beste
Haushälterin, die geschickteste Köchin, die pflegeleichteste Ehefrau. Die
erotischste Geliebte war dann eine andere. Viele andere.
Vor drei Jahren änderte sich
meine Situation mit einem Herzschlag.
Die Mittsommer-Party war in
vollem Gang, das üppige Buffet geplündert, einzelne Weintrauben zwischen
Käseresten, Salatschüsseln bis auf den Boden leer gekratzt, Brotkrümel und Kräuterbutter
auf dem Damasttuch. Die Erdbeerbowle erfreute sich großer Beliebtheit, genauso
das Naturtrübe aus der Brauerei im nächsten Ort. Auf der Terrasse wurde
getanzt, schwankende Bewegungen zu Disco Fox und Samba und er mittendrin.
Ich stand neben einer kleinen
Gruppe Frauen, die sich über die neuesten Trends beim Nageldesign unterhielten,
und starrte auf meine Finger. Ob rote Nagelhaut auch unter Design fiel? Ich
schob die Hände tief in die Hosentaschen.
Der Tumult auf der Tanzfläche
brach mitten in einem Song von Tina Turner los. Ich mag Tina. Sie hat es Ike
gezeigt und sich aus jeder noch so miesen Lage aufgerappelt.
Er rappelte sich nicht mehr
auf. Er lag am Boden, zusammengekrümmt, die rechte Hand in Brusthöhe ins Hemd
gekrallt, die Augen halb offen. Ich wusste, dass er tot war, bevor ich neben
ihm kniete. Trotzdem rief ich nach dem Notarzt. Ich schrie hysterisch und
schüttelte ihn, weil ich das in Filmen so gesehen hatte. Ich schluchzte, ließ
mich von einer Frau ins Haus führen und sank in den Ledersessel neben der
Terrassentür.
Kurze Zeit später stand der
Notarzt neben mir, fühlte meinen Puls und gab mir eine Spritze zur Beruhigung. Er
erklärte mir, dass mein Mann tot sei und wollte wissen, ob er Herzprobleme
gehabt hätte. Herzrhythmusstörungen, seit zwei Jahren in Behandlung,
Medikamente, ja, aber nie Probleme. So etwas könne ganz plötzlich geschehen,
vielleicht die Anstrengung, der Alkohol, wer weiß. Aber es sei nichts mehr zu
machen gewesen.
Ich nickte und starrte auf den
Riss in der Fliese. Vom Kerzenleuchter. Als er damit nach mir geworfen hatte
wegen ... ich weiß nicht mehr, weswegen.
Der Arzt unterschrieb den
Totenschein: Herzversagen nach Vorerkrankung.
Jemand hatte die Musik
abgeschaltet. Die Gäste verabschiedeten sich murmelnd. Die Party war zu Ende.
Die Glühwürmchen scheinen ihr
Werben für diese Nacht ebenfalls beendet zu haben. Kein türkisfarbenes Glimmen
über der Wiese. Nur die Grille singt weiter, einsam und melancholisch.
Ich werde keine neue
Weinflasche mehr öffnen. Es ist spät geworden an diesem Mittsommerabend. Drei
Jahre vergangen seit damals. Drei freie Jahre. Das war ein Festessen und eine
hervorragende Flasche Wein wert. Das war alles wert.
Nach dem Digitalis hat nie
jemand gefragt.
© Uta Lösken, Juni 2010
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